Unterdrückt

Getrieben von dem Wunsch, etwas Großes zu erreichen, lässt Héctor Wilson seine Heimat hinter sich und zieht nach New York. Völlig ahnungslos betritt er eine Welt, in der das Unbekannte gefürchtet wird und er das erste Mal auf Ablehnung trifft. Während er versucht, sich in seinem neuen Leben zurecht zu finden, erkennt er, dass seine Realität sich als Illusion entpuppt und muss sich entscheiden, wie er damit umgehen will.

Leseprobe

Kapitel 1

„Bist du dir ganz sicher?“

Héctor blickte in das besorgte Gesicht seiner Mutter und musste sich mit all der Willenskraft, die er besaß, ein Lächeln verkneifen. Es war so typisch: Sein ganzes Leben lang hatte sie ihn motiviert, etwas aus sich zu machen und ihm eingebläut, wie wichtig ein guter Job sei. Jetzt nahm er sich ihre Ratschläge nun endlich zu Herzen und wollte in ein neues Leben aufbrechen, da bekam sie auf einmal Zweifel an ihrem großen Masterplan für ihn.

Er erinnerte sich, wie sie ihn mit ihrer Chancla durchs Haus gejagt hatte, als sie ihn als Teenager beim Schwänzen erwischt hatte. So oft hatte sie ihn ausgeschimpft und die Lebensgeschichte sämtlicher entfernter Verwandter als warnendes Beispiel erzählt. „Du willst doch nicht enden wie dein Tío Julio, oder? Dann reiß dich nun endlich zusammen!“ Er verdrehte nach solchen Vorträgen immer die Augen, doch als die schwierigste Phase der Pubertät überstanden war, fing er langsam an, seine Mutter zu verstehen. All die älteren Geschwister seiner Freunde brachen auf in die weite Welt und führten das Leben, von dem sie alle schon immer geträumt hatten. Sie schickten Postkarten nach Hause, in der sie von ihren Abenteuern erzählten, und manchmal, wenn sie genug Geld zusammengespart hatten, dann kamen sogar Pakete mit ausgewählten Delikatessen. In diesen Momenten wuchs seine Sehnsucht immer weiter, bis sie sich in einen konkreten Plan verwandelte.

„Ja, Mamá, ich bin mir sicher. Mach dir keine Sorgen! Ich schreibe, sobald ich angekommen bin.“
Er drückte seiner Mutter einen feuchten Kuss auf die Wange und schüttelte noch ein letztes Mal die Hand seines Vaters. Ein paar Minuten, nachdem er es sich auf seinem Sitzplatz gemütlich gemacht hatte, startete der Busfahrer den Motor. Héctor winkte noch einmal aus dem Fenster und dann begann seine Reise ins Unbekannte. Er blickte auf die vorbeiziehende Landschaft – auf die hohen Palmen, die mediterranen Häuser, die gelbe Erde, die ab und zu zwischen den gut bewässerten Gärten hervorstach. Seine Heimat würde ihm fehlen, aber die Vorfreude auf seinen neuen Job überdeckte dieses flaue Gefühl in der Magengegend. Am meisten freute er sich jedoch auf New York – die Stadt, in der Träume wahr wurden.

Vielleicht lag es daran, dass sie auf der anderen Seite des Landes lebten, aber es kursierten unzählige Legenden über diese faszinierende Stadt in seinem Bekanntenkreis. In versteckten Ecken auf dem Pausenhof erzählten sie sich flüsternd Geschichten über die glitzernden Gebäude, die so hoch waren, dass sich die Dächer in den Wolken verloren; über die eleganten Leute, die durch die Straßen liefen, immer in Eile, immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding; über das Lichtermeer, das die Stadt jede Nacht erleuchtete und die Luft nach Strom schmecken ließ. Sie wagten nie, bei ihren Gesprächen die Stimme zu laut zu erheben, vor lauter Angst, der Zauber würde dann brechen. Manche Geschichten waren sicher übertrieben oder sogar komplett erfunden, aber das machte nichts, denn New York war immer zum Teil nur ein Märchen. Eine Fantasie, die so unerreichbar war, dass es egal war, was davon echt war.

Héctor beobachtete, wie die Sonne langsam unterging und ihre Umgebung in satte Orangetöne tauchte. Eine angenehme Wärme stieg in ihm auf und erfüllte sein Herz. Er wusste nicht warum, aber er trug die Sicherheit in sich, dass er auf dem richtigen Weg war und er jetzt genau hier sein musste. Was auch immer auf ihn in New York wartete, es war sein Schicksal.

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