
Verloren
Es klingelt.
Du wachst auf und wankelst, noch mit Schlaf in den Augen, in’s Bad.
Du wäschst dein Gesicht mit kaltem Wasser und schaust in den Spiegel. Der Blick, den du dir selbst zurückwirfst, schreibst du der Müdigkeit zu.
Langsam gehst du zurück in dein Zimmer, schaltest das Licht an und legst dir ein Outfit zurecht. Es ist, wie immer, nicht besonders auffällig, nichts besonders schön.
Und schon wieder stehst du vor einem Spiegel. Diesmal bist du wacher und schaust genauer hin. Du gleitest mit deinem Blick deine Oberschenkel, deine Hüfte, deinen Bauch, deine Arme, dein Gesicht entlang bis du dir schließlich direkt in die Augen schaust.
Auf einmal schämst du dich, dass du dich selbst so ausführlich begutachtet hast. Es gibt eigentlich nichts zu sehen und doch fällt dir alles auf.
Du schminkst dich schnell. Es ist kein Meisterwerk, aber es ist in Ordnung.
Du weißt, dass du keine Blicke auf dich ziehen wirst, du verschwindest in der Menge. Aber das ist dir eigentlich ganz recht. Du magst es sowieso nicht, im Rampenlicht zu stehen.
Es klingelt.
Du schaust auf dein Handy.
Eine neue Benachrichtigung von Instagram.
Userin XY hat ein neues Bild hochgeladen. Sie lacht authentisch in die Kamera und präsentiert ihren neuen roten Lippenstift. Natürlich sieht sie umwerfend aus.
Doppelklick.
Das Bild gefällt dir. Du schaust dir jedes Detail genau an und überlegst, ob dir so eine Farbe auch stehen könnte.
Je länger du das Bild anstarrst, desto unwohler wird dir.
Sie lacht dich aus, sie macht sich lustig über dich. Wie könntest du glauben, dass du an ihre Schönheit auch nur einen Millimeter rankommen könntest?
Und du wirst sauer. Nicht auf sie, sondern auf dich. Du gehörst doch gar nicht zu denen, die sich von sowas verunsichern lassen. Du gehörst zu denen, die zufrieden mit sich und ihrem Leben sind.
Und du weißt ja auch, dass sie nicht real ist.
Natürlich existiert die Person, die das Foto gemacht hat, wirklich. Doch die Person, die auf dem Foto zu sehen ist, ist ein Konstrukt aus sozialen Anforderungen, Minderwertigkeitskomplexen und Bildbearbeitung.
Es klingelt.
Du bist jetzt in einem Geschäft drin. Es riecht nach Konsum und teurem Parfum. Sachen, die du verachtest, aber trotzdem begehrst.
Eine Verkäuferin kommt auf dich zu. „Kann ich Ihnen helfen?“
Du schaust sie etwas unsicher an, doch dann weißt du, was du willst.
„Ich suche einen roten Lippenstift.“
Polkostraße 11, 81245, München, Deutschland
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