
In der Dunkelheit
Sie glaubte nicht mehr an Geistergeschichten. Zumindest redete sie sich das ein, wenn sie nachts aufwachte und schwören könnte, eine Gestalt in ihrem Schlafzimmer stehen zu sehen. Jedes Mal, stockte ihr der Atem und sie knipste sofort ihre Nachttischlampe an, nur, um sich dann wieder vor sich selbst zu schämen. Doch egal wie oft sie auf den leeren Fleck neben ihrem Schreibtisch starrte und sich über sich selbst ärgerte, wurde sie dieses beklommene Gefühl nicht los. In ihren Alpträumen verfolgte sie eine gesichts- und formlose Gestalt, die alles über sie wusste und trotzdem nicht greifbar war. Sie konnte es nicht beschreiben oder erklären, aber tief in ihren Knochen fühlte sie etwas. Irgendjemand beobachtete sie. Oder irgendwas.
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Der Regen peitschte hart gegen das Barfenster, doch das Geräusch von standhaftem Glas wurde vom Gelächter der Geburtstagsparty übertönt. In ihrem echten Leben war sie eine fröhliche und extrovertierte Person, die gerne lustige Geschichten zum Besten gab und sich von nichts einschüchtern ließ. Von ihrer persönlichen Schmach, ihrem bedrückenden Geheimnis wusste niemand. Niemand ahnte, dass sie mit fast 30 Jahren ihre kindliche Angst vor der Dunkelheit immer noch nicht überwunden hatte und jede Nacht ein Kampf mit dem Teufel war. Diese Furcht trug sie zeitlebens mit sich und konnte nicht gegen sie ankommen.
Die Kellnerin kam mit einem Tablett voller Shotgläser an ihren Tisch. „Seid ihr bereit für noch eine Runde?“ Die Menge jubelte. Sie wurde von der Seite angestupst: „Du willst mich heute wirklich umbringen, oder? In meinem hohen Alter verträgt man nicht mehr so viel wie früher.“ Lachend setzte ihre Freundin das kleine Glas an ihre Lippen und schnellte mit dem Kopf zurück. „Euw, Tequila ist das aber nicht!“ Sie verzog das Gesicht und widmete sich wieder ihrem männlichen Sitznachbarn, der lüsternd in ihren Ausschnitt gaffte.
Doch ihre Freundin interessierte sie gerade nicht. Sie hatte die Drinks nicht bestellt. Auf ihren Armen breitete sich Gänsehaut aus. „Entschuldigen Sie bitte, aber wer hat das alles bestellt?“ Die Kellnerin schaute sie mit ernstem Blick an und lächelte dann süffisant. „Ein geheimer Bewunderer.“ Und damit verschwand sie wieder in der Menge. Auf einmal überkam sie erneut dieses beklommene Gefühl in der Brust. Sie schaute umher, blendete die Geräuschkulisse in der Bar so gut es ging aus, um sich besser zu konzentrieren, doch sie erblickte niemand Verdächtigen.
„Liz, Liz – kannst du kurz zuhören?“ Sie tippte ihre Freundin an. „Ich hab das nicht bestellt. Von wem kommt das?“ „Was? Ach, beruhig dich – das haben uns doch sicher die Typen von der Bar da bestellt.“ Als sie zum Tresen schaute, saßen dort zwei junge Männer, die ihr zuprosteten und lachten. Sie entspannte sich wieder und schüttelte lächelnd den Kopf. Langsam wurde sie wohl paranoid und alles nur, weil sie Alpträume hatte. Um sich selbst zu beweisen, dass sie nicht von ihrer eigenen kindischen Angst übermannt wurde, trank sie den Shot. Er schmeckte erst süßlich, hatte aber einen bitteren Nachgeschmack. Die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf und sie fühlte, wie sie jemand anstarrte. Die Männer an der Bar waren verschwunden und sie fühlte einen kalten Hauch neben ihrem linken Ohr, als ob ihr jemand gleich etwas zuflüstern würde. „Wuhuuu, sehr gut – so macht man das!“ Liz jubelte ihrer Freundin zu und bemerkte nicht, welche Dunkelheit sie langsam umschloss.
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Auf dem Nachhauseweg hörte sie keine Musik, weil sie aufmerksam bleiben wollte. Irgendjemand hatte diese Drinks für sie bestellt und sie spürte ganz tief in ihrer Seele, dass sie damit auf irgendeine Weise markiert worden ist. Im Laufschritt stapfte sie den nassen Asphalt entlang und lauschte dem Echo ihrer eigenen Schritte. Vielleicht sollte sie lieber eine Kirche statt ihrem zuhause ansteuern, aber sie wusste nicht, wo die nächste war und ob sie überhaupt noch offen sein würde. Außerdem wollte sie nicht stehen bleiben oder sich verlaufen – die Angst trieb sie unentwegt voran.
Sie war mutterseelenallein in der dunklen Straße, aber das beruhigte sie irgendwie. So war es ihr lieber als sich ständig zu wundern, ob noch jemand in der Dunkelheit auf sie wartete. Sie konzentrierte sich weiter auf den Weg, das ständige Platschen ihrer Schuhe als Begleitmusik. Doch etwas in dem Rhythmus und der zeitlichen Versetzung im Echo stimmte nicht überein. Ihr Herz schlug schneller und ihr Atem wurde schwerer. War sie wirklich allein? Alles in ihr schrie: „Bleib stehen, dreh dich um. Du wirst sehen, es ist alles nur in deinem Kopf!“ Gleichzeitig war sie sich zu einhundert Prozent sicher, dass sie sich das alles eben nicht nur einbildete. Und diese Gewissheit konnte sie nicht stoppen lassen.
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Nicht einmal, als sie vor ihrer Haustür stand, drehte sie sich um. Es gab nur zwei Szenarien, wie das ganze ausgehen konnte: Entweder drehte sie sich um und sah, genau wie jede Nacht, wie sich ihre Hirngespinste im Licht der Vernunft auflösten und sie langsam verrückt wurde. Oder sie blickte in das Gesicht der Kreatur, die in ihr seit Wochen blanke Panik auslöste und verlor sich in ihrer Angst. Welche Version weniger erschreckend war, musste sie noch abwägen.
Als sie versuchte in ihrer Wohnung das Licht anzuschalten, merkte sie, dass die Entscheidung bereits für sie getroffen worden ist. Keine Lampe funktionierte; nur die kleine weiße Sichel am Himmel tauchte ihre Einrichtung in unheilvolles Licht. Sie atmete dreimal tief durch und wiederholte lautlos ihr Mantra: „Ich glaube nicht mehr an Geistergeschichten, ich glaube nicht mehr an Geistergeschichten.“ Es gab keine Dämonen oder rachsüchtige Geister – es gab nur die eigene Fantasie, die tief verwurzelte Ängste in schaurige Kostüme kleidete.
Also tat sie das, was sie jeden Abend tat; sie putzte sich die Zähne, wusch ihr Gesicht, zog ihren Pyjama an und legte sich in ihr Bett. Am Morgen würde sie sich einen Therapeuten suchen und an ihrer Paranoia arbeiten. Vielleicht war es ein verdrängtes Trauma aus ihrer Kindheit, das in ihr langsam wieder aufstieg oder Burnout oder irgendeine andere plausible Erklärung, für die es auch eine effektive Lösung gab.
Doch als sie in ihrem Bett lag, merkte sie, dass die Dunkelheit langsam über sie schwappte, wie das Meer zu Beginn eines Sturmes. Kälte kroch ihre Glieder hoch und setzte sich in ihrem Nacken fest. Sie fühlte den starren Blick aus der Dunkelheit. Sie fühlte den unsichtbaren Griff nach ihr. Sie fühlte den schwachen Windhauch, den eine Hand verursachte, die ihr eigentliches Ziel nicht erreichen konnte. Das war echt.
Sie brauchte eine Waffe, etwas, mit dem sie sich verteidigen konnte, doch ihr Körper war festgefroren. Selbst das Atmen fühlte sich wie ein Kampf an. In ihrem Kopf hörte sie eine Stimme: „Gib auf.“ Sie war sich nicht sicher, ob das ihr eigenes Unterbewusstsein war oder jemand anderes. Die Hand griff erneut nach ihr und dieses Mal schaffte es das Wesen, sie zu berühren. Nicht ihren Rücken oder ihren Kopf, sondern etwas in ihr. Ihr Herz verkrampfte sich; sie wollte schreien, nach Hilfe rufen, aber ihr Mund öffnete sich nur lautlos. Die Dunkelheit hatte sie erreicht.
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