Steintreppe in einem herbstlichen Wald.

Der Geheimplatz

Die Luft war dick und feucht, schwere Schweißperlen liefen meine Schläfen entlang. Es war kaum 10 Minuten her, dass ich diese kleine Lichtung entdeckt und mich entschieden hatte, mein einsames Picknick hier abzuhalten, doch mein Körper hatte schon genug. Mein T-Shirt war fast komplett durchnässt und mein Kopf fühlte sich neblig an. Obwohl ich wusste, dass der Sommer in Tokio unerträglich sein konnte, hatte ich nicht erwartet, dass es mich so aus der Bahn werfen würde.

Ich kramte meine Flasche raus und nahm einen großen Schluck. Das eiskalte Wasser belebte meinen Geist wieder und ich konnte mich endlich auf meine Umgebung konzentrieren. Die kleine Lichtung war umringt von hohen Bäumen, deren Kronen von Blättern in saftigen Grüntönen geschmückt waren. Zwischen ihren Wurzeln tummelten sich lauter Pilze und Sträucher, perfekte Behausungen für allerlei Käfer. Hier und da blühten auch ein paar Blumen in unterschiedlichsten Farben – von himmelblau über kanariengelb bis hin zu ziegelsteinrot war alles dabei. Es war der perfekte Ort, um sich dem Nichts hinzugeben.

Mit einem großen Seufzer streckte ich meine Arme in die Höhe und ließ mich nach hinten in das weiche Gras sinken. Ich schloss die Augen und malte mir eine Welt, in der ich nicht mehr zurück in mein echtes Leben musste, in der ich für immer hier in diesem Waldstück bleiben konnte, umringt von Pflanzen und Tieren und Magie. Die Zikaden surrten lautstark ihr Schlaflied für mich und ich fühlte, wie mir mein Bewusstsein Stück für Stück entglitt.

„Schläfst du?“ Eine tiefe Stimme weckte mich aus meiner Trance. Meine Lider waren so schwer, dass ich sie nur mit viel Mühe öffnen könnte. Obwohl mein Blick noch recht verschwommen war, machte ich einen jungen Mann mit dunklen Haaren aus, der sich über mich beugte. „Jetzt nicht mehr“, gab ich benommen zurück. Er lachte leise. „Entschuldige, ich wollte dich nicht stören. Du hast nur meinen Geheimplatz entdeckt.“ Ich setzte mich langsam wieder auf und rieb mir mit dem Handrücken die Augen. „Dein Geheimplatz?“

Der Mann nickte abwesend und ließ seinen Blick über die Lichtung streifen, als ob er sein privates Königreich begutachten würde. „Hier komme ich gern her, um allein zu sein und…nachzudenken.“ Er holte seine Hände aus den Hosentaschen und setzte sich neben mich. Erst jetzt bemerkte ich, dass er Japanisch mit mir sprach. Obwohl es meine Muttersprache war und ich einen Großteil meiner Kindheit hier verbracht hatte, wurde ich aufgrund meiner untypischen Gesichtszüge oft mit Englisch angesprochen. Eine Halb-Japanerin ist in den Augen der meisten hier eben immer noch mehr Touristin als Einheimische. Umso mehr berührte es mein Herz, wenn es einmal anders kam.

„Über was denn zum Beispiel?“ Langsam war ich wieder im Hier und Jetzt angekommen und konnte mich auf eine richtige Konversation einlassen. „Ach, du weißt schon – die Probleme, die jeder junge Mensch hat. Wo soll mein Leben hinführen? Was möchte ich aus mir machen? Welches T-Shirt ziehe ich morgen an?“ Bei der letzten Frage huschte ein verschmitztes Lächeln über seine Lippen und meine Wangen wurden warm. Ich wandte den Blick ab und studierte meine Schuhe. Wer war das?

„Was hat dich so an diesem Platz fasziniert?“ Auf einmal schaute er mich direkt an. Ich merkte, wie seine Augen mein Profil fixierten, während ich weiterhin auf den Boden starrte und versuchte meinen Körper davon abzuhalten, auf irgendeine verräterische Weise zu reagieren. „Ähm…ich weiß nicht. Diese Lichtung wirkt einfach so friedlich und abgeschirmt. Hier kann einem die Welt da draußen einfach nichts anhaben.“ Meine Worte hörten sich unbeholfen und kindlich an. Ich schämte mich für meine einfache Sichtweise; was hatte ich schon für Probleme „da draußen“? Ich würde im Herbst mein Studium in einer der aufregendsten Städte der Welt anfangen und meine Eltern unterstützen mich finanziell bei all meinen abenteuerlichen Ideen. Ich hatte eine tolle neue Wohnung, coole Freunde und eine vielversprechende Karriere vor mir – augenscheinlich alles, was man sich wünschen könnte, doch trotzdem erfuhr ich hin und wieder diese Momente der Leere.

„Was erschrickt dich denn so an der Welt da draußen?“ Ich fühlte mich ertappt. „Warum fragst du mich das?“ „Naja, du hattest doch gesagt – “ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich meine, warum fragst du mich genau das? Wie kommst du darauf, dass mich die Welt erschreckt?“ „Es war so ein Gefühl. Es wirkte so – und bitte verzeih mir, wenn ich dir hier zu nahetrete – als ob du dich hier verstecken wolltest.“

Dieses Mal erwiderte ich seinen Blick. Seine schokoladenbraunen Augen schauten mich entschuldigend, aber bestimmt an. In mir baute sich eine trotzige Reaktion auf seine unverschämt akkurate Einschätzung zusammen, doch stattdessen ließ ich meinen Gefühlen einfach freien Lauf. „Die echte Welt kann so unfassbar grausam sein. Was ist, wenn ich den Erwartungen nicht gerecht werden kann? Was ist, wenn ich dem Druck nicht standhalten kann? Erwachsen werden ist so ein anstrengender Prozess und ich habe irgendwie Angst, dass ich mich darin verliere. Welchen Preis muss ich auf dem Weg zahlen? Wen werde ich auf dem Weg zurücklassen? Und was ist, wenn ich damit nicht klarkomme? Aktuell verändert sich so viel in meinem Leben und ich schätze, dass ich Angst davor habe, was sich noch verändern könnte in Zukunft und ob ich stark genug dafür bin.“ Erschrocken über meine unverblümte Ehrlichkeit schlug ich eine Hand vor den Mund. „Das kam irgendwie deprimierender raus, als es sollte.“ „Ich mag deprimierend. Damit kann ich viel mehr anfangen.“ Er lächelte mich an und seine Augen strahlten dieses bedingungslose Verständnis aus, dem man nur wenige Male im Leben begegnet. Ich lächelte zurück und spürte wieder die Wärme in mein Gesicht steigen. „Hast du was dagegen, wenn wir uns deinen Geheimplatz teilen?“ Er schüttelte den Kopf. „Mit dir teile ich ihn gerne.“

Bewertung: 5 von 5.

Hinterlasse einen Kommentar

Polkostraße 11, 81245, München, Deutschland

Hast du Fragen, Anregungen oder Wünsche? Schreib mir einfach!

milagros.montalvo@nachtgeschichte.com

Folge mir